Eine Eule

Psychoticker
der Blog von Dr. med. Barbara Günther-Haug
Privatpraxis für Psychotherapie Schmitten

30Mai/1517

Dissoziative Identitätsstörung

Geschrieben von Dr. med. Barbara Günther-Haug
Ärztin / Psychotherapie / EMDR-Therapeutin Privatpraxis für Psychotherapie Gartenstraße 12, 61389 Schmitten Tel.: (0 60 84) 94 92 39

Dachs, Kauz, Elch aus Stoff
Krisen bewältigen heißt auch: Gemeinschaft werden.

Bei manchen dissoziativen Störungen kommt es nicht nur zum „Flackern“ des Gesamtbewusstseins in Form von Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen oder Wahrnehmungsveränderungen. Es kann sein, dass mehrere Bewusstseinszonen mit unterschiedlichen Inhalten nebeneinander entstehen, das Bewusstsein also in mehrere, nur bedingt miteinander kommunizierende Bereiche zerfällt. Man spricht dann von Selbstanteilen oder englisch Ego-States.

Ein gesundes Bewusstsein ist in sich selbst „kohärent“, das heißt, zusammenhängend. Es besteht das Gefühl eines durchgehenden Selbsts, auch wenn man sich depressiv oder ängstlich fühlt. Freilich besitzt auch der Gesunde ein sogenanntes Unterbewusstsein, von dem er, wie der Name sagt, nichts weiß, in dem aber bedeutsame Erfahrungen gespeichert sind, die sein Handeln und Fühlen mitbestimmen. Solange das Unterbewusstsein "ruhig" hält, ist es als guter Stauraum für Inhalte zu betrachten, die aktuell im Bewusttsein stören würden. Wenn sich hin und wieder ein kleiner Eindringling einschleicht und für Aufregung sorgt ("Freudscher Versprecher" etc.), ist das nicht schlimm. Manchmal freilich ist das Unbewusste so überfrachtet, dass es zum Beispiel belastende Gefühle durchlässt, während die zugehörigen Gedanken abgespalten bleiben, so dass keine Klärung und Bewältigung möglich ist. Dann kann die Störung krankheitswertig werden und - bei kohärentem Bewusstsein - eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie angezeigt sein.

Bei manchen dissoziativen Störungen ist die Seelenlage jedoch komplizierter, es gibt nicht einfach ein „Oben und Unten“, vielmehr ein „Nebeneinander“ von unterschiedlichen Selbstanteilen. Diese sind unter Umständen von unterschiedlichem Reifungsgrad, enthalten unterschiedliche Erinnerungen, sind emotional und kognitiv individuell aktiv. Da sie alle in einem Körper sind, der von der Umwelt als ein und derselbe Mensch erlebt wird, können sie aber nicht alle gleichzeitig ihre Eigenarten ausleben. Vielmehr wird eine Person mit solch einem Gehirn mal vom einen, mal vom andern Selbstanteil "gesteuert", so als ob sie eine andere Identität annehmen würde, daher die Bezeichnung Dissoziative Identitätsstörung (DIS, auch "Dissoziative Persönlichkeitsstörung"). Wie weit die Fragmentierung geht, ist unterschiedlich. Manche Betroffene haben ein höheres Empfinden verbliebener Kohärenz als andere. Insgesamt besteht aber ein subjektives Empfinden vom "Viele-sein", obwohl die Kooperation unter den Ego-States tatsächlich höher ist, als es sich für die Patient/innen wohl anfühlt.

Wie kommt es zu einer solchen Gehirnstruktur? Hierfür werden schwere Störeinwirkungen während der Hirnreifungszeit vermutet. Ein menschliches Gehirn reift während seiner ersten zwanzig bis dreißig Lebensjahre, also ziemlich lange. Traumatische Einwirkungen, die den zerebralen Aufbau beeinträchtigen können, sind nun nicht nur äußere Verletzungen oder Entzündungen, sondern auch schockhafte seelische Erfahrungen. Mit "Psyche" ist der Teil unseres Gehirn gemeint, der für die Verarbeitung unserer seelischen Eindrücke zuständig ist. Wenn dies System nun extremer Erregung unterschiedlicher Art (Wut, Angst, Sexualität, Ekel, Scham) ausgesetzt ist, wird der psychische Apparat auch extrem reagieren, nämlich mit entsprechenden Transmitterausschüttungen. Bis zu einem gewissen Grad kann die Psyche dies aushalten, sie reguliert sich dann wieder von selbst. Je jünger aber das Gehirn ist und je häufiger solch schädlichen "Psychotraumata" ausgesetzt, umso größer die Gefahr, dass bleibende Schäden entstehen, zum Beispiel im Sinne der hier vorgestellten Dissoziativen Identitätsstörung (DIS). Die Vernetzung der Hirnareale, die das "Selbst" ausmachen, ist hier nicht mehr ausreichend stabil, das Gefühl von Kohärenz geht verloren, statt dessen bilden sich "Selbstanteile". Eine DIS lässt sich im Gehirn-Scan nachweisen. Das heißt, anders als bei den meisten andern psychischen Krankheiten, die sich rein in der Mikrobiologie des Transmitterhaushalts abspielen, geht die DIS mit makroskopisch-anatomischen Veränderungen der Gehirnstruktur einher. Das nach heutiger Vermutung exogen verursachte Störungsbild ist durch sprunghafte Änderungen des Bewusstseinszustands einschließlich teilweiser und gänzlicher Amnesien gekennzeichnet, sowie durch die Koexistenz einander zuweilen beeinträchtigender Bewusstseinsinhalte (Selbstanteile). Eine DIS stellt ein mentales Handicap dar, das Patient/innen mit antidissoziativer und psychotraumaspezifischer Therapie aber managen lernen können.

In der Therapie wird grundsätzlich geübt, dass Selbstanteile untereinander mehr in Kontakt treten - einander angstfreier wahrnehmen und dann vielleicht sogar kommunizieren lernen können.  Wie muss man sich "ein Leben mit Selbstanteilen" vorstellen? Die Betroffenen berichten zum Beispiel, dass hinter ihrem kontrollierten und an der Gegenwart orientierten Handeln gewisse seelische Instanzen in Wut, Trauer, Panik etc. verharren. Solche Anteile entwickeln sich nicht, lernen nichts dazu und üben permanent Druck aus. Dies geschieht manchmal „im Hintergrund“, das heißt, nur die Betroffenen selbst merken, dass in ihnen etwas unbeeinflussbar weint oder schimpft oder sich mit Kommentaren bemerkbar macht. Diese Kommentare fühlen sich für die Patientinnen nicht wie ein Ausfluss des „erwachsenen Bewusstseins“ an, aber auch nicht wie etwas Fremdes, von außen Gemachtes (wie es Patienten mit einer Schizophrenie empfinden würden, wobei es zwischen den Krankheitsbildern Übergänge gibt). Es bleibt aber nicht immer bei den Kommentaren aus dem Hintergrund. Manchmal "switchen" Selbstanteile "nach vorn", wechseln sich also ab darin, wer das Verhalten der Person bestimmt, bzw. durch wessen Augen und Ohren gesehen und gehört wird (denn auch die Wahrnehmungsmuster der diversen Selbstanteile weichen vielleicht voneinander ab).

Selbstsanteile können, müssen aber keineswegs stark voneinander verschieden sein, nur werden die jeweils aktuellen Erfahrungen eben nicht automatisch geteilt. Auch existieren nicht nur panikerfüllte Selbstanteile. Manchmal gibt es Ego-States, die kindlich, jugendlich, besonders energisch oder aggressiv erscheinen, jedenfalls deutlich abweichend von der Persönlichkeit, die die Patientin als ihre „normale“ bezeichnet. Wobei dieser „normale“ Anteil im Extremfall so wenig vorstechend sein kann, dass die Betroffenen selbst nicht wissen, welche Persönlichkeit von all den vielen denn ihr „Wahres Selbst“ sein soll, besonders wenn es mehrere auf ihre Art alltagskompetente Anteile gibt. Der Begriff vom "Wahren Selbst" passt hier einfach nicht, sondern das Gesamtsystem ist das Selbst. Leider geraten die Betroffenen leicht in Spannungen, wenn sich spezielle Charakterzüge eines Anteils ausleben wollen, die im Widerspruch zu andern inneren Tendenzen stehen.  Ein Mensch mit kohärentem Selbst kennt auch Ambivalenzen. Wenn ihm diese bewusst sind, hat er aber anders als bei der DIS nicht den Eindruck, dass sich hier zwei getrennte Anteile bekämpfen. Er fühlt zu seiner Verwunderung vielmehr beides gleichzeitig in sich selbst.

In der antidissoziativen Therapie nennt man die Ego-States auch Emotionale Persönlichkeiten (EPs), während man bei dem Seelenanteil, den die Patientin als ihren „eigentlichen“ empfindet, von der Anscheinend Normalen Persönlichkeit spricht (ANP) - sofern vorhanden. Wenn Emotionale Persönlichkeiten im äußeren Verhalten sichtbar werden, also die Regie über das Verhalten übernehmen, nennt man das „switchen“, „umschalten“. Nicht selten vollzieht sich das Switchen unbewusst auf einen Außenreiz hin, der die Anscheinend Normale Persönlichkeit über ihre Belastungsgrenze hinaus erschüttert hat. Plötzlich tritt zum Beispiel ein angsterfüllter, infantiler Selbstanteil in Erscheinung. Manchmal tauchen jedoch auch aggressive oder besonders lustige oder ehrgeizige Ego-States auf, die über Kompetenzen verfügen, die die Anscheinend Normale Persönlichkeit nicht zu vertreten wagen würde. Auch die ANP kann nämlich Ängste haben, von denen gewisse EPs frei sind. In der antidissoziativen PT wird geübt, das Switchen besser zu kontrollieren; entweder abzuwenden oder für das Gesamtsystem funktional zu nutzen, indem die jeweils kompetentesten Anteile nach vorn gebracht, bzw. bedürftige Anteile angemessen versorgt werden.

Ein erschütternd wirkender Reiz, der psychische Störung auslöst, wird als "Trigger" bezeichnet. Solch ein Reiz kann rein persönliche Bedeutung haben und  objektiv betrachtet trivial sein. Phobische Menschen werden auch getriggert, etwa von Brücken und Aufzügen. Sie bekommen dann Panikattacken. Patienten mit dissoziativer Störung dagegen reagieren mit Bewusstseinsstörungen, zum Beispiel dem Switchen. Manchmal merken sie selber davon lange nichts. Die ANP hat eine Amnesie für das Tun der EP und weiß vielleicht nicht einmal von Einkäufen oder Gesprächen, die stattgefunden haben. Im besseren Fall merkt die ANP später, dass da etwas gewesen sein muss, und stellt unbehaglich einen „Zeitverlust“ fest. Im schlechteren Fall bleiben der ANP ihre dissoziativen Lücken ganz unbewusst, so dass sie sie auch in der Rückschau nicht schließen kann. Diese Inkohärenz, von der die Umwelt lange nichts ahnt, kann Ursache erheblicher Konflikte werden. In der PT wird nicht nur bei DIS, sondern auch Angststörungen u.a. ein besserer Umgang mit Triggersituationen geübt.

Je stärker die Ego-States voneinander getrennt sind und je unkontrollierter sie auftreten, umso stärker und belastender die Störung. Manchmal spricht man dann auch von „Multipler Persönlichkeit“. Manche Patientinnen wissen, dass sie „multipel“ sind, lernen aber ihre Ego-States allmählich gut kennen. Zwar können sie manche Gefühle und Fähigkeiten nicht ausreichend in die Hauptpersönlichkeit integrieren, so dass die ANP möglichst umfassend kompetent wird, also auf angemessene Weise Angst und Wut haben, lustvoll und tüchtig sein kann etc.. Aber manche EPs arbeiten mit der Zeit „kooperativ“ und können auf diese Weise ihre Belange immer erfolgreicher nach außen vertreten. So tauchen dann, dem Gesamtsystem nicht völlig unbewusst, die spezialisierten EPs auf, die für das System etwas bewirken sollen: Aufmerksamkeit, Konfliktstärke, Spaß etc., und es entsteht eine gewisse Befriedigung.

Ist das dann nicht schon fast genauso gut wie eine Seele ohne Ego-State-Kompartimentierung? Gegenfrage: Möchten Sie lieber eine „Universalfernbedienung“ oder zehn einzelne Fernbedienungen? Von denen einige auch noch defekt sind, so dass sie, wenn man sie benutzt, versehentlich andere Geräte abschalten oder stören? Na gut, der Vergleich hinkt. Aber die „defekten Störfernbedienungen“ sind das Problem. Leider stehen EPs und ANP untereinander oft in großer Spannung. Die Teilkompetenzen mögen hoch funktional sein, aber dennoch ist es so, als ob ein Blinder, ein Lahmer, ein Tauber eine Kooperative bilden und so ihr Leben bestreiten müssten. Geht auch, ist aber mühsam (bitte Nachsicht mit meinen hoffentlich nicht zu geschmacklosen Vergleichen). Im schlimmsten Fall sind die drei auch noch untereinander misstrauisch und zerstritten.

Die innere Spannung rührt nicht nur aus der suboptimalen Hirnstruktur her, sondern auch aus schrecklichen Erinnerungen und alten, teilweise gezielt einsuggerierten Fehlprogrammierungen („du bist schuld“ – „du hast es so gewollt“). Die Patient/innen waren Einflüssen ausgesetzt, die in ihnen riesige Scham, Schuldgefühle, Verlustangst, Todesangst, Bestrafungsangst , Rachewünsche, Ekel, sexuelle Entwicklungsstörungen etc. hinterlassen haben. Vor diesen brennenden Emotionen sind sie ständig „auf der Flucht“. Man spricht von der „Phobie vor dem inneren Erleben“. Ist diese Phobie zu groß, werden manche Erinnerungen und Zustände gar nicht mehr wahrgenommen, durchdacht, „reflektiert“. Sie bleiben abgespalten. Wie oben gesagt, kann eine Abspaltung bis zu einem gewissen Grad entlastend sein und gehört in dieser Form dringend zu einem gesunden Seelenhaushalt dazu. Nimmt dieser Mechanismus aber überhand, ist also die Phobie vor dem inneren Erlben zu groß, wird dies die Gräben der dissoziativen Struktur, also die DIS noch vergößern und die Entwicklung adäquater Bewältigungsstrategien verhindern. In der antidissoziatven PT wird man daher behutsam versuchen, mit diesen phobischen Ängsten anders umzugehen.

Es gibt viele Betroffene, die Ego-States schon aus ihrer Kindheit kennen. Andere leben jahrelang vermeintlich rein im Zustand der Anscheinend Normalen Persönlichkeit, obwohl in der Rückschau signifikante Phasen von Zeitverlust zu eruieren sind.  Doch erst ein belastendes Ereignis von retraumatisierendem Ausmaß, zum Beispiel ein Konflikt oder eine schwere Erkrankung lässt das Vollbild der Problematik deutlich werden. Die neu hinzugetretene Belastung überfordert das System,  EPs kommen so häufig und situationsinadäquat nach vorn, dass im Leben der Betroffenen vermehrt Komplikationen extern und intrapsychisch auftreten. Dergleichen dissoziative Phänomene sind an sich schon störend und mithin erschreckend, so dass das wiederum die Angst vermehrt. Ein Teufelskreis entsteht. Hier ist zunächst dringend Psychoedukation, sprich Störungsaufklärung nötig, damit die Patient/innen sich nicht vor sich selber fürchten oder sich gar für „Schauspieler“ halten. Viele Betroffene leugnen die Problematik lange vor sich selbst und erst recht vor Umwelt und Behandlern.

Patientinnen, die ihre Multiplen Anteile schon besser kennen, haben oft „hochromantische“ und nicht wissenschaftlich fundierte Erklärungen für ihre psychischen Besonderheiten. Psychoedukation stößt hier nicht immer gleich auf Gegenliebe, weil alles so nüchtern und letztlich mit den Gräueln der Vergangenheit erklärt wird, die man ja allein schon in der Erinnerung phobisch flieht. Die romantischen Konzepte bieten dagegen eine gewisse tröstliche Verklärung. Mit dieser „Ressource des Symptoms“ soll respektvoll umgegangen werden. Zugleich muss Akzeptanz des realen Handicaps entwickelt werden und zwar auf dem Boden medizinischer Erkenntnisse. Akzeptanz bedeutet hier Trauerarbeit und die Einsicht, dass man einen nicht gerade einfachen therapeutischen Prozess vor sich hat, bei dem die Betroffenen aktiv stark gefordert sind. Ebenso wie bei andern signifikant erkrankten Menschen wird sich dabei zunächst oft Abwehr und Entsetzen zeigen. Jugendliche Diabetiker zum Beispiel müssen meist erst mehrfach auf dem Pausenhof zusammenbrechen, ehe sie ihr Lebensschicksal mit dem unausweichlichen Insulin akzeptieren und handhaben lernen. Immerhin gilt hier wie auch bei den psychischen Krankheiten: Die Patienten dürfen sich heutzutage von der wenngleich mühsamen Therapie etwas versprechen. Eine DIS ist keine Zauberei, sondern ein traumatisch bedingter Hirnschaden. Schreckliches Wort. Aber irgendwie auch nüchtern. Schlimm genug, aber irdisch, menschlich und mit deutlichen Erfolgen behandelbar. Ich wünsche allen Betroffenen den Mut, die Ausdauer und die Chance zu einer entsprechenden Therapie.

Kommentare () Trackbacks (0)
  1. Hallo Frau Günther Haug,
    Wouw, meines Erachtens nach sehr gut geschrieben und da ich Sie kenne kann ich bei Ihren Vergleichen nur schmunzeln :-)
    Es Grüßen die Taube und Lahme und Stumme und Blinde, die sich morgen was ganz neues wagen: Darmstädter Knastmarathon

  2. Dieser Artikel ist großartig gelungen! Es wird sehr verständlich, wo die Unterschiede zwischen einer gesunden Person und einer mit einer dissoziativen Identität liegen.
    Vielen Dank dafür.
    Petrissa

  3. Liebe Frau Dr. Guenther-Haug,

    ich finde den Beitrag großartig und vieles erkenne ich aus unserer gemeinsamen Arbeit wieder. Es ist schön zu lesen, wie sich die Praxis in der Theorie beschreiben lässt.

    Und ja die Beispiele zeigen trefflich Ihre Art mit schlimmen Dingen so umzugehen, dass man manchmal lächeln muss, obwohl es weh tut.

    Danke und machen Sie weiter so, sei es in der Praxis oder im Psychoticker.

    Schmetterlingsflügel (T.D.)

  4. Danke für den Beitrag. Sehr verständlich erklärt, und wie ich finde, wird das Innenerleben sehr treffend beschrieben. Bin froh, hier drüber gestolpert zu sein.

  5. Danke für diesen Artikel.
    Finde „uns“ zum Teil darin wieder. Was etwas fehlt: wenn es verschiedene ANPs gibt, die alle für sich in Anspruch nehmen, die eigentliche Person zu sein.. Oder auch, was wohl häufiger vorkommt, die ANP(s) im Laufe der Therapie wegbrechen und sich aus Überforderung zurück ziehen und andere übernehmen müssen und dann niemand mehr so richtig das Gefühl hat, das wahre Ich zu sein. Kennen Sie so etwas auch?

    und noch eine Frage: Könnten Sie ein Bespiel nennen für die romantische Verklärung? für einen primären Krankheitsgewinn?

  6. Liebe amy,
    vielen herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung und die Ergänzung bezüglich des ANP.
    Zu Ihren Fragen:

    Ja, es kann im System eine spannungsreiche „Konkurrenz“ geben um die „eigentliche Person“. Wobei die „eigentliche Person“ ja in Wahrheit eben nicht nur der eine oder andere Anteil wäre, sondern das Gesamtsystem (alle Anteile zusammengenommen) wäre die „eigentliche Person“. Nur ist es das Wesen der DIS, dass es sich subjektiv anders anfühlt – das „Gefühl des Einsseins“ fehlt. Auch kommt es vor, wie Sie es beschreiben, dass sich Ego-States verändern, im Gewicht verschieben etc.

    Mit „romantische Verklärung“ ist Folgendes gemeint: Die Patient/innen haben zunächst ganz persönliche – nicht wissenschaftliche – Erklärungen für ihre seelischen Eigenarten. Die wissenschaftliche Erklärung wäre (stark vereinfacht) in etwa: Schockhafte Erlebnisse haben die Hirnfunktionen / die Hirnreifung so stark beeinträchtigt, dass eine bleibende krankheitswertige Störung entstanden ist mit einer spezifischen Symptomatik (zum Beispiel die DIS). Aber selbst wenn den Betroffenen dieser Zusammenhang vielleicht gar nicht so unklar ist, kommen doch oft auch eher „esoterische“ persönliche Erklärungsansätze zum Tragen, Ideen von spirituellen Einflüssen oder Ähnliches. Diese können durchaus ein Körnchen Wahrheit enthalten, nur sollte nach und nach die eigentliche neurobiologische Genese ebenfalls wahrgenommen / akzeptiert werden.

    Das, was der Psychoanalytiker als „primären Krankheitsgewinn“ bezeichnet, nennt man auch die „Ressource des Symptoms“: Zum Beispiel bietet die peritraumatische Dissoziation (Amnesie für den Moment des Traumaereignisses) auch einen gewissen Schutz – es hat sich gezeigt, dass Patienten mit Amnesie für das Trauma weniger häufig eine PTBS-Symptomatik entwickeln.
    Herzliche Grüße, Gü

  7. Sehr geehrte Dr. Günther-Haug,
    Ich bin mit dem Bild bekannt, habe aber eine Frage in Bezug auf Täter. Es gibt ja auch Forschungen die darauf hinweisen das Täter ihren Akt verdrängen. Haben Sie dazu eine Meinung?
    Danke im Voraus,
    BW

  8. Liebe Frau Wynn,
    vielen Dank für Ihr Feedback. Ich selber arbeite nicht mit Tätern, möchte aber aus meiner Erfahrung als Traumatherapeutin und tiefenpsychologisch arbeitende Therapeutin folgende Einschätzung geben:
    „Verdrängung“ im eigentlichen Sinn ist ein psychodynamisches Geschehen: Konflikthafte Inhalte können ins Unbewusste absinken (wie „Vergessen“ geschieht das ohne bewusstes Zutun der Person), um die Denkprozesse nicht zu sehr zu stören. Verdrängung betrifft meist intrapsychische Regungen (Aggression, Angst) oder geplante Handlungen, die dann vielleicht unterlassen werden. Vollbrachte Handlungen können ab einem gewissen Schweregrad des Geschehens beim Erwachsenen nicht mehr verdrängt werden, weil sie zu weitreichend im Gedächtnis verankert sind. Das heißt natürlich nicht, dass sie ständig präsent sind, aber sie wären erinnerlich. Neben der Verdrängung existieren u.a. auch Verleugnung oder Rationalisierung, um eine begangene Handlung subjektiv abzuschwächen. Die Handlung wird dadurch jedoch nicht völlig unbewusst.
    Die Gedächtnislücken oder dissoziativen Abspaltungen von Gedächtnisinhalten aufgrund beängstigender Erfahrungen kommen dagegen eben nicht psychodynamisch zustande, sondern sind die Folgen einer seelischen Traumatisierung: Insbesondere ein kindlich unreifes Gehirn, manchmal auch ein erwachsenes, wird von einem schockhaften Ereignis so in seiner Funktion gestört, dass das Erlebte entweder gar nicht mehr oder aber defekthaft, das heißt ohne angemessene Vernetzung, sprich dissoziativ abgespeichert wird.
    Wenn die Täter erwachsen sind, ist ihr Gehirn erstens ausgereift, zweitens erleben sie ja manchmal sogar etwas Lustvolles (im Fall von sexuellem Missbrauch) und sind somit keineswegs geschockt. Drittens hat die Tat, da kriminell und interpersonell, einen erheblichen Schweregrad und macht einen entsprechend tiefen mentalen Eindruck. Deshalb unterstelle ich (ohne die hier relevante Forschung im Einzelnen zu kennen), dass solchen Tätern ihre Taten nicht per Verdrängung völlig unbewusst werden können. Höchstens in dem Sinn, dass bei einer Serie von Taten nicht mehr jede einzelne erinnert wird. Eine Ausnahme mögen sehr junge Täter sein, deren ebenfalls noch nicht reifes Gehirn vielleicht vor Erregung nicht mehr richtig arbeitet. Doch je mehr Taten, umso unwahrscheinlicher wird ein völliger Gerdächtnisausfall oder vollständige Dissoziation oder totale Verdrängung.
    Soweit meine heutige persönliche Meinung, die ich aber ausdrücklich als nur begrenzt aussagekräftig kennzeichne. Für ein umfassenderes Bild bitte ich, spezialisierte Literatur zu Rate zu ziehen. Herzliche Grüße, Gü

  9. Hallo Frau Dr. Günther-Haug,

    der letzte Beitrag von Ihnen hat mich sehr berührt. Kann es sein, dass ein Täter auf Grund seiner psychischen Grundstruktur (u.U. auch auf Grund traumatischer Erfahrungen in der Kindheit dissoziativ) dennoch die Erinnerung an seine Taten „verliert“?

    Und dann stellt sich mir in diesem Zusammenhang die Frage der kognitiven Dissonanz. Ein Täter ist auf der einen Seite der treusorgende Familienvater und in einer anderen Situation der sadistische Täter, der seine Macht ausübt, indem er physisch und/oder psychisch Missbrauch begeht. Kann es sein, dass er durch das Leben in zwei komplett gegenläufigen Welten gar nicht erkennt, dass er Täter ist, weil er zu sehr das Bild des treusorgenden Familienvaters in sich hat, der aus welchen Gründen auch immer davon überzeugt ist, dass seine Parallelwelt ebenfalls dem bürgerlichen Bild dient?

    VG T.D.

    • Liebe Frau T.D.,
      vielen Dank für Ihren Beitrag! Wie wir wissen, gibt es „Zeitverlust“ bei Gehirnen mit dissoziativer Struktur, und solche Gehirne könnten ja auch Täter haben. Allerdings glaube ich, dass je gravierender und zahlreicher die „Taten“ und je erwachsener die Gehirne sind (selbst wenn nur zu einem „Defektzustand“ gereift), dass umso weniger eine komplette dissoziative Abspaltung aktiv und planmäßig begangener Handlungen möglich ist. Täter, die trotz wiederholter krimineller Handlungen unentdeckt bleiben, müssen sehr besonnen und umsichtig vorgegangen sein. Würden sie aufgrund ihrer dissoziativen Struktur unkontrolliertem Switching unterliegen, würden sie vermutlich viel früher ihrer Umgebung und schließlich auch dem Gesetz auffallen. Wie ja auch meine völlig gesetzestreuen Patient/innen manchmal wegen vergleichsweise geringer Unregelmäßigkeiten zum Beispiel am Arbeitsplatz auffallen, so dass es zu Konflikten kommt, die sich die Patient/innen selbst am wenigsten erklären können (s. Artikel). Daher bezweifele ich, dass weitreichende Dissoziation und weitreichende Vertuschung krimineller Taten Hand in Hand gehen können. Die dissoziative Identitätsstörung gilt ja eben deshalb als Krankheit (und nicht nur als individuelle „Besonderheit“), weil sie mit schwerwiegenden Funktionsstörungen der Psyche einhergeht, die schon die Bewältigung des ganz normalen Alltagslebens gravierend beeinträchtigen. Ein Verbrecher, der auf Dauer unentdeckt bleiben will, muss meiner Meinung nach deutlich besser psychisch funktionieren, sonst macht er „Fehler“. Aber ich wiederhole, dass ich keine Fachfrau für Täterpsychologie bin, und erneuere meine Bitte, sich zu solchen Fragen in der Fachliteratur weiterzubilden.
      Und ich wiederhole: Obwohl längst nicht alle unsere Handlungen völliger Verdrängung / Dissoziation anheimfallen können, gibt es doch auch andere Abwehrmechanismen in unserer Psyche, die zumindest bewirken, dass wir nicht mehr an diese Dinge denken müssen, oder die unser Gewissen beruhigen: „die andern waren Schuld“, „war nur Spaß“, „die wollte es ja nicht anders“, „ich war gezwungen“, „verglichen mit andern bin ich harmlos“, „machen doch alle“, „war ja nur selten“, „wenn die andern so schlau wären wie ich, würden sie es auch tun“, „ich bin eben etwas Besonderes“, „ich war aber sonst sehr nett“, „wenn man dauernd soviel arbeiten muss“, „mir ging es früher auch nicht besser“, „war ja in einem andern Leben“ etc.. Bei Tätern mit „Doppelleben“ besteht sicher eine kognitive Dissonanz, aber dennoch keine störungswertige Dissoziation, denn gerade ein Doppelleben verlangt besonders viel mentalen Skill. Und die aus der kognitiven Dissonanz vielleicht herrührende Spannung wird durch obige Denkweisen abgemildert. Von daher gibt es erwiesenermaßen zahlreiche Verbrecher jeder Art, die sich in scheinbar höchst ehrenwerte Bürger verwandelt und ihr Leben noch viele Jahre, auch dank der Früchte ihrer Verbrechen, genossen haben. Leider.
      Hier könnte man auch die Frage stellen, ob es Menschen gibt, die in Sekten und Ähnlichem dazu indoktriniert wurden, Verbrechen zu begehen, die sie dann für „moralisch richtig“ halten. Natürlich gibt es Terroristen mit solchem Hintergrund. Soweit ich weiß, sind der Polizei abgesehen von den öffentlich politisch und religiös agierenden Terrorgruppen aber wesentlich mehr gewinn- und lustorientierte Kriminelle bekannt als zum Beispiel irgendwie „kultisch“ oder sonst geheimbündlerisch motivierte Täter.
      Soviel für heute. Ihnen und allen Leser/innen des Psychotickers wünsche ich ein gutes neues Jahr! Viele Grüße, Gü

  10. TOPP beschrieben!!!
    Vielen Dank!
    Lg von einer
    BETROFFENEN


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