Eine Eule

Psychoticker
der Blog von Dr. med. Barbara Günther-Haug
Privatpraxis für Psychotherapie Schmitten

27Nov/116

Angst – Charaktere – Teil II

Geschrieben von Dr. med. Barbara Günther-Haug
Ärztin / Psychotherapie / EMDR-Therapeutin Privatpraxis für Psychotherapie Gartenstraße 12, 61389 Schmitten Tel.: (0 60 84) 94 92 39

Ein großer und ein kleiner Modellzug in einem Tunnel
Krisen bewältigen heißt auch: Den eigenen Weg machen

Und hier geht es nahtlos weiter mit den Charakterschilderungen:

5) Der dissoziative Charakter:

Unter Dissoziation versteht man die Abspaltung von Bewusstseinsinhalten. Dies kann auf verschiedene Weise geschehen, am häufigsten in Form der bekannten „Geistesabwesenheit“: Man ist mit den Gedanken „woanders“, nicht bei äußeren Vorgängen, sondern in Fantasien oder im Nirwana versunken. Wahrscheinlich sieht man dann nicht, wer einem begegnet und gegrüßt werden möchte, und man vergisst, ob man schon die Zähne geputzt hat oder nicht, aber das macht ja nicht viel, solange man nicht gegen geschlossene Türen rennt. Dissoziation ist bei psychisch gesunden Menschen oft hochfunktional, man blendet nur aus, was man nicht braucht, während man problemlos Auto fährt. Dissoziation kommt häufig bei Personen mit reicher Geistestätigkeit vor: Die „zerstreuten Professoren“ sind aus Hingabe an ihre Wissenschaft mit nichts anderem beschäftigt. In ähnlicher Weise gibt es ängstliche, aber kreative Menschen, die ihre Innenwelt, die sie liebevoll mit vielen Einfällen ausstaffieren, der rauen Wirklichkeit vorziehen. Solche Tagträume sind bewusste, willkürliche Vorgänge. Wir reden hier noch nicht von der krankheitswertigen Dissoziation, die ein schweres Handicap darstellen kann, sondern von einem Mechanismus, der zunächst entlastend wirkt. Doch auch bei gesunden Menschen können sich dissoziative Tendenzen verselbständigen. Man denkt nicht unbedingt: „Jetzt schalte ich mal ab“, sondern die Wahrnehmung verlässt die Außenwelt ganz unbemerkt, und es bleibt kein Gefühl für das, was man vielleicht versäumt.

Dissoziation ist aber nicht stets gleichbedeutend mit fehlender Wahrnehmung. Häufig fehlt nur die bewusste Wahrnehmung. Gerade sensible Menschen nehmen so viel wahr, dass das Bewusstsein die Fülle der Eindrücke nicht befriedigend verarbeiten kann. Hier setzt Dissoziation ein, um das Bewusstsein zu schonen. Unwichtiges wird vergessen. Wichtiges, das  in diesem Augenblick zu kompliziert wäre, wird dagegen ins Unbewusste verschoben oder, wenn der psychische Apparat die Grenzen seiner Kapazität erreicht hat, ins Körperliche. Abspaltung auf die Körperebene bedeutet, dass ein äußerer Eindruck nicht mehr mit einer psychischen Reaktion – einem Gedanken oder Gefühl –, sondern mit einer körperlichen Sensation beantwortet wird. Es tritt zum Beispiel eine muskuläre Verspannung, Zittern, Schwindel oder Schwitzen ein. Normalerweise folgen körperliche Reaktionen auf psychische Reize, ohne dass wir dissoziieren: Wenn wir wegen einer Prüfung aufgeregt sind, wundern wir uns nicht über unser Bauchgrimmen. Es kommt aber eben auch vor, dass nicht mehr der vielleicht unangenehme psychische Reiz, sondern nur noch die körperliche Reaktion wahrgenommen wird. Auf die Art wird das Bewusstsein entlastet, der Körper muss aber einiges aushalten. Und die Betroffenen sind verwirrt, was sie jetzt schon wieder haben.

Natürlich kann nicht nur ein Angstgefühl dissoziiert werden. Jede psychische Erregung kann abgespalten werden, wenn das Bewusstsein von ihr verschont bleiben soll, ob sie nun sexuell, aggressiv, traurig oder mit Ekel besetzt ist. Die männlichen Psychiater vor hundert Jahren dachten noch, dass Frauen immer aufgrund stark anflutender, aber tabuisierter sexueller Begierden ohnmächtig würden. Vielleicht waren Dr. Freud und Kollegen ja so attraktiv. Die Tabus waren sicher strenger (und die Mieder enger). Allmählich erkannte man aber, dass dissoziative Phänomene am häufigsten auf angstvolle Regungen zurückzuführen sind. Die Patientinnen der Gründerzeit dissoziierten weniger, weil sie von plötzlicher Triebhaftigkeit erfasst wurden, sondern weil sie beängstigende Erfahrungen gemacht hatten – vielleicht auch mit Sexualität.

Ängstliche Menschen, die zur Dissoziation neigen, werden sich – nicht selten zum Frust ihrer Mitbürger – oft in ihren geistigen Privatsphären bewegen oder / und – zu ihrem eigenen Frust – mit einer Anfälligkeit für scheinbar unerklärliche körperliche Störungen behaftet sein.

6) Der sammelnde Charakter:

Menschen, die überbordende Sammlungen anlegen, vereinen geschickt einige der oben genannten Abwehrmechanismen: Wer sammelt, hat immer eine gute Ablenkung von den Sorgen dieser Welt. Sammler erklären Dinge für wichtig, die andere für Ramsch oder jedenfalls für überteuert halten würden, ob es nun Briefmarken, Bücher, Teeservices, Puppen oder Gemälde sind. Indem der Sammler diese Objekte mit Bedeutung auflädt, kann er sich einen Lustgewinn verschaffen: Die Erregung, die ihn durchzuckt, wenn er ein seltenes Exemplar aufspürt, können andere Leute nur durch viel „riskantere“ Betätigungen erlangen wie verbotenen Sex, Löwenjagd, Autorennen. Zudem hat der Sammler seine Sammelwelt unter Kontrolle, er kann wie Gottvater beliebig die Ordnung oder das Chaos erschaffen. Nicht zuletzt müsste jedem einleuchten, dass man nicht sterben kann, ehe die Sammlung komplett ist (ein Fall, der glücklicherweise nie eintritt). Sammler werden im Lauf der Jahre manchmal etwas einsam, weil sie den Dingen so viel mehr Aufmerksamkeit schenken als den Mitmenschen; andererseits sind Dinge aber pflegeleichter und machen trotzdem Spaß. Solange der Sammler nicht durch unliebsame Umstände gezwungen ist, sich mit der Außenwelt näher zu beschäftigen, führt er ein angstfreies, befriedigtes Leben, wenn er auch in den Augen Fremder ein etwas wunderlicher Geselle in einer überfüllten Wohnung sein mag.

7) Der schreckhafte Charakter:

Ängstliche Menschen erschrecken leicht – über laute Geräusche, unfreundliche Worte, unerwartete Post, plötzliche Veränderungen im Mikrokosmos. Kann heißen, dass sie stark zusammenzucken, nah am Wasser bauen, oft gekränkt sind oder sich selber furchtbar anstrengen, um nichts falsch zu machen: Immer pastoral reden, penible Mülltrennung, Biokost, Bedenken in jede Richtung, die auch andern Menschen vorgetragen werden in der Hoffnung, dass diese sich endlich einen vorsichtigeren Lebensstil zulegen.

Doch nicht alle schreckhaften Charaktere haben sich süße Flötentöne angewöhnt. Es gibt auch Vertreter, die zu cholerischen Ausbrüchen neigen: Jedes Mal, wenn sie erschrecken, wird gebrüllt. Dient der Entlastung, ist für die Umgebung aber unerfreulich. Choleriker brüllen nicht nur vor Schreck, sondern auch, wenn ihnen sonst etwas nicht passt. Ihnen wurde in der Kindheit nicht beigebracht, ihr erregbares Temperament zu zügeln. Nebenbei wirkt cholerisches Verhalten recht einschüchternd, wodurch sich der Choleriker wieder stark fühlt. Er möchte nicht für ängstlich gelten, nicht vor sich selbst und noch weniger vor andern. Er hofft vielmehr, dass der krummgeschlagene Nagel auf das Gebrüll hin Respekt bekommt und wieder strammsteht.

Cholerisches Verhalten schreibt man eher Männern zu. Bei Frauen würde man Entsprechendes in der Umgangssprache als „hysterisch“ bezeichnen: Immer schön Gedöns machen, obwohl man in dieser Stimmung kaum die besten Lösungen findet. Aber es ist eben ein Trost, wenn man sich mal so richtig abreagiert und dabei auch alle andern an den Rand einer Nervenkrise gebracht hat.

8) Der kontraphobische Charakter:

Mit dem Choleriker haben wir einen Charakter kennen gelernt, der anders als die zuvor geschilderten Persönlichkeiten abstreiten würde, dass er Ängste hat. Ein kontrollierender Mensch würde zumindest zugeben, dass man immer gut aufpassen muss, damit nichts Schlimmes passiert, und der dissoziative Mensch würde, wenn er sich mal besinnt, das Erdenleben für nicht unproblematisch erklären. Der Choleriker dagegen würde sagen, dass die Welt völlig in Ordnung wäre, wenn nicht so viele Dummköpfe herumliefen. Und nun kommen wir zum kontraphobischen Charakter, dem ebenfalls die eigenen Ängste ganz unbewusst sind. Unter „kontraphobisch“ versteht man das Gegenteil von „phobisch“, womit die überängstliche Flucht vor bestimmten Situationen gemeint ist. Kontraphobische Menschen suchen genau die Abenteuer, vor denen andere zu Recht zurückschrecken: Hohe Berge, tiefe Meere, sexuelle Feldstudien. Der Durchschnittsbürger ist fasziniert, fragt sich aber, warum man sich solche Gefahren zumutet. Wir haben es hier mit einem Typ zu tun, der Ängste nicht vermeidet, sondern, gleichsam auf der Flucht nach vorn, mutig zu werden hofft, indem er sich überzogenen Risiken aussetzt.

Die Tiefenpsychologie würde sagen, hier möchte sich jemand seine Autonomie beweisen, zum Beispiel aus der erstickenden Mutterbindung ausbrechen. Die Verhaltenstherapie würde von überzogenen Maßnahmen zur Angstbekämpfung sprechen. Man wird nämlich nicht unbedingt mutiger, wenn man sich in Aktionen stürzt, die die Seele unter ungeheuren Druck bringen, selbst wenn der Wille sie durchsetzt. Expositionstherapie geht anders: Kleine Schritte, langsam aufbauend. Die Kosten für ein Verhaltensexperiment dürfen die Belohnung, die der Erfolg mit sich bringt, nicht weit übertreffen. Und ein Bergsteiger, der einen Gipfel ohne Sauerstoff erklommen hat, wird zwar in der Fachwelt gelobt, ist aber auf dem Weg ein paarmal dem Tode nahe gewesen. Von solchen Erfahrungen erholt die Seele sich nicht so schnell, und ein paar Zeitungsartikel bringen nicht den nötigen Ausgleich.

Wie unterscheidet man den kontraphobischen vom mutigen Menschen? Ein mutiger Mensch sucht nicht sinnlos die Gefahr, weiß sich ihr aber zu stellen, wenn es nötig wird. Manche Menschen sind von klein auf mit Herausforderungen konfrontiert, denen sie allmählich – in kleinen Schritten – zu begegnen lernen. Sagen wir, der Alpsohn, der schon früh auf Skiern steht, mit den Seinen über die  Berge geht, körperlich arbeitet – wenn der eines Tages den Watzmann mit dem Nanga Parbat vertauscht, hat das eine gewisse Folgerichtigkeit. Wenn aber ein Stadtkind sich nach einigen Versuchen an der Kletterwand in den Kopf setzt, den Himalaya zu erobern, darf man schon fragen, ob Körper und Seele dem gewachsen sein werden. Kann sein, dass das Stadtkind einige Gipfel schafft, dabei aber als Mensch eher gestresster als ruhiger wird. Das wären die seelisch unerwünschten Folgen. Körperlich unerwünscht wäre es, wenn der Ärmste eines Tages wegen einer Fehlleistung abstürzt.

Es gibt kontraphobische Berufswahlen: Sensible Knaben, die zur Polizei gehen, ängstliche Mädchen, die als Ärztin die Welt retten wollen. Im guten Fall überstehen sie die für sie besonders harten ersten Jahre, lernen viel dazu und finden dann ein Tätigkeitsfeld, das ihren Fähigkeiten angemessen ist. Im weniger guten wursteln sie sich irgendwie durch und sind ewig angespannt in ihrem Job. Schlimmstenfalls scheiden sie verfrüht aus.

Schließlich gibt es Menschen, die zwar keine besonderen Risiken, dafür aber besonders viel Arbeit auf sich nehmen, ohne dass sie damit viel Geld verdienen – zum Beispiel im Ehrenamt. Manchmal zeigt sich auch hier eine kontraphobische Dynamik: Man kann Ängste wegarbeiten. Das ist zunächst nicht schlecht, und schon manch einer hat kritische Lebensphasen mit Hilfe seiner Arbeit überstanden. Bedenklich wird es erst, wenn man vor lauter Arbeit abbaut, obwohl man genauso gut eine Pause einlegen könnte.

Es dürfte ein Kontraphobiker gewesen sein, der sagte: „Es gibt keine Angst, es gibt nur falsche Kleidung“ - oder so ähnlich. Natürlich gibt es berechtigte Angst, und diese hat eine hilfreiche Signalfunktion, auf die man nicht verzichten sollte.

 

Während ich diesen Artikel schrieb, beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl, na, welches wohl? Es war Angst. Ich begann mich vor den diversen Charakteren zu fürchten, weil ich mich in so vielen Anteilen wiedererkannte. In einer Mischung aus Ironie und Kontraphobik sagte ich dann zu mir: „Da musst du jetzt durch“, behielt die Kontrolle, machte weiter und dissoziierte das verbleibende Unbehagen in eine leichte Schulterverspannung. Jetzt schüttele ich mich, um wieder locker zu werden, und erkläre tröstend: „Die gute Mischung macht’s. Da habe ich doch wenigstens ein großes Repertoire. Und lerne mich selbst besser kennen.“

Viel mehr kann ich vorerst auch zu meinen Lesern nicht sagen. Wenn wir unsere Macken kennen, haben wir bessere Chancen, mit ihnen gut umzugehen. Es wird uns deutlicher, wie wir uns unter Druck zu verhalten pflegen, und welche unerwünschten Wirkungen die Folge sein mögen. Allen hier geschilderten Charakteren ist gemeinsam, dass es sich eben erst einmal nicht um psychische Krankheit handelt. Die Angst kann mit Hilfe der beschriebenen Mechanismen soweit gebändigt werden, dass ein normales Leben mit ausreichender Realitätsbewältigung möglich wird. Man staunt, wie vielseitig sich Angst auswirken kann. Freilich formen auch andere Kräfte unsern Charakter: Geltungswille, körperliche Bedürfnisse, Aggression, Schöpferdrang, Wissensdurst, um ein paar zu nennen. Ich habe jetzt die Angst besprochen, weil sie bei so vielen Menschen einen Hauptposten im seelischen Haushalt darstellt.

Im nächsten Artikel der Miniserie „Angst“ schauen wir uns die Störungsbilder an, die entstehen können, wenn Angst überhand nimmt und krankheitswertig wird.

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  1. Gefaellt mir sehr die Seite. Tolle Themenwahl.

  2. Habe ihre Seite ganz zufällig gefunden und sie gefällt mir. Sie ist gut verständlich und informativ.HG A.Ruhl

  3. Danke, für diese schönen anschaulichen Beschreibungen der Angstneurosen. Ich habe gerade für mich entdeckt, dass ich möglicherweise doch eine mentale Charakter – Fixierung habe. So einiges kommt mir da auch bekannt vor.

    Interessant ist, dass das neurotische Begegnen der Angst durch so einen einfachen und eigentlich logischen Umgang mit ihr anhalten kann. Dem FÜHLEN.

    Wenn sie das nächste mal diese Angst verspüren, – und das kann natürlich jeder hier mal versuchen – machen sie doch mal folgendes:

    Öffnen sie ihren Mund und lassen Sie ihren Körper so atmen, wie er das gerade möchte – durch den Mund. Nehmen Sie ganz bewusst das Gefühl wahr. Die inneren Bewegungen, wie der Atem und der Herzschlag zunehmen. Und lassen Sie sich ganz erfassen von dem Gefühl. Wenn Gedanken auftauchen richten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Gefühl und schenken den Gedanken und Impulsen keine Beachtung. Bis das Gefühl vollständig verbrannt ist.

    Dann gibt’s auch keine Schulterschmerzen mehr.


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